1. Kapitel: Anstoß und Vorbereitung
"Lieber Georg, ich will Dir auf diesem Weg von einer Idee berichten, die mich nicht mehr loslässt: nämlich einer Fußwallfahrt: Pilgerschaft auf dem Jakobsweg nach Santiago de Compostela! Und warum ich Dir hierzu schreibe: ich will Dich gerne als Mit-Pilger gewinnen! ..." So begann ein mehrseitiger Brief, den mir mein Klassenkamerad und Freund Dr. Christoph Strötz um Pfingsten 1991 schrieb. Nie in meinem Leben hatte ich an eine solche Unternehmung gedacht. Er erreichte mich aber in einer dafür sehr günstigen Situation: Das Internat, das mir voll und ganz anvertraut war, machte zu. Und: Meine neue Aufgabe sollte vor allem im Zeichen der Wallfahrt stehen. Wenn meine Gemeinschaft mich ziehen ließ, dann, ja dann konnte diese Idee verwirklicht werden. Sie ließ! Man musterte mich zwar etwas skeptisch, aber meine Mitbrüder übernahmen bereitwillig die Vertretung.

Natürlich musste der Termin in eine ruhigere Zeit fallen. Gleichzeitig wollten wir um die hochsommerliche Hitze herumkommen. Alles lief auf die Zeit nach Pfingsten hinaus. Frisch gewagt legten wir uns auf den Zeitraum vom 8.6. bis 12.7.1992 fest. Welches Wetter würde uns wohl erwarten? Damit war klar, dass wir nicht in Le Puy starten konnten.

Das hätte viel mehr Zeit in Anspruch genommen. Wir mussten uns auf den spanischen Jakobsweg beschränken. Was lag nun näher, als in Logroño, wo wir Salvatorianer ohnehin ein großes Kolleg haben, zu beginnen. Das waren immerhin noch mehr als 600 km! Dafür musste die Zeit reichen. Der Rahmen war damit abgesteckt. Doch vieles musste vorbereitet werden. Dafür blieb mir wegen der hausinternen Veränderungen wenig Zeit. So vertraute ich darauf, dass mein Partner – wie in lediglich zwei Sitzungen abgesprochen – sich um alles kümmern würde.

Schließlich hatte er ja den Anstoß gegeben! Was ich beisteuern konnte, waren anfanghafte Spanischkenntnisse, das Auto als Transportmittel, Logroño als Stützpunkt und eben mich selbst. Sogar die Vorbereitung der alltäglichen Utensilien wurde mir abgenommen. Anlässlich meines runden Geburtstages schenkten mir all das meine Schwägerin und meine Schwester auf sehr humorvolle Weise. Zuletzt fehlten mir lediglich noch die Gehstöcke. Und siehe da! Zwei Tage vor der Abfahrt ließen sie mir Freunde vom Alpenverein zukommen. Man muss nur etwas von seinen Plänen erzählen! Und schon findet man Unterstützung.
Eine bange Frage blieb übrig: Würden die Füße, würde der Körper mitspielen? Ehrlich gesagt: Extra trainiert habe ich nicht. Ein bisschen Sport, viel Bewegung im Haus, Erfahrung aus vielen Bergwanderungen: darauf verließ ich mich. Bezüglich Schuhen war ich lange unentschlossen: Wanderschuhe oder stabile Turnschuhe? Ich entschied mich für die leichtere Variante. Wie würde ich den schweren Rucksack verkraften? Da ging mir jede Erfahrung ab! Kurz gesagt: So eine Unternehmung ist ein Sprung ins Vertrauen. Doch jeder Schritt lässt den Weg klarer erkennen.