2. Kapitel: In den Fußstapfen vieler
Warum gerade der Jakobsweg? Mein Freund schrieb dazu: "Vor einiger Zeit hörte ich von Pfarrer Breitenbach (Schweinfurt) dessen authentischen Lichtbilder Erfahrungsbericht von der Fuß-Pilgerschaft zum hl. Jakob. Dieses Unterwegs-Sein mit all seinen elementaren Erfahrungen hat mich so begeistert und gepackt, dass ich mir gesagt habe, in meiner Lebenssituation ist das genau das Richtige zum Innehalten, zur Selbsterfahrung und zur Bewährung in vielfältiger Form." So wie Pfarrer Breitenbach ihn für diese außergewöhnliche Unternehmung gewonnen hat, so war er für mich der Anstoß. Wir sind das vorläufige Ende einer langen Kette.
Angefangen hat alles im 9. Jahrhundert. Spanien war vom Islam überrollt. Nur noch ein paar kleine christliche Reiche konnten sich im Norden - wohl auch etwas vom Frankenreich gestützt - halten. Doch die große Politik und das kulturelle Geschehen ging an ihnen vorbei. Da wurde wie aus heiterem Himmel im christlichen Abendland bekannt: Im äußersten Westen Spaniens - und damit Europas - ist das Grab des Apostels Jakobus gefunden worden. Ein Bischof bestätigte die Echtheit. Der Pilgerstrom setzte ein, - und damit die Rückgewinnung Spaniens für das Christentum! Sicher spielten unterschiedlichste Motive eine Rolle. Wer allerdings Hunderte von Kilometer zu Fuß hinter sich hat, ist am Apostelgrab in Santiago im vollsten Sinn des Wortes auf Empfang, sprich: auf die Botschaft des Apostels, eingestellt.  
Auf vielfältige Weise zeigen sich die Spuren der Wallfahrer. Da sind als erstes die "Refugios" zu nennen. In vielen Orten wurden für die oft armen "Peregrinos" einfache Unterkünfte eingerichtet. Sie werden meist von den Pfarreien unterhalten. Wer einen Pilgerausweis der Jakobsgesellschaft vorzeigt, darf hinein. Da sind Doppelstockbetten, WC und eine Waschmöglichkeit. In den luxuriöseren sind sogar Duschen mit warmem Wasser. Dieses in Jahrhunderten gewachsene System ist für den  Pilger eine wertvolle Hilfe. Zum einen schont es den Geldbeutel erheblich, zum andern "zwingt" es zu einem wirklich alternativen Lebensstil. Es ist heutzutage z.B. ungewohnt, in größerer Zahl in nur einem Raum zu schlafen.
Eine andere Spur im vollsten Sinn des Wortes ist der Weg selbst. Er entstand nicht am Reißbrett, sondern viele Tausende prägten im Laufe der Zeit seinen Verlauf und sein Aussehen. Schriftliche Beschreibungen wie z.B. der "Codex Calixtinus" (12 Jh.), der in überarbeiteter Form zum Reisegepäck gehört, tauchen erst recht spät auf. Und auch heute - ja gerade heute - verändert sich das Gesicht des "Camino" Jahr für Jahr. Örtliche Freundeskreise und seit neuestem auch die Tourismusbranche geben ihm ein - nach ihrer Meinung - noch besseres Aussehen. Man wird ihn bald überhaupt nicht mehr verfehlen können!

Weitere Spuren sind die Siedlungen. Namen und Bauformen zeigen, dass sich hier Menschen verschiedenster Landstriche auf einander eingelassen haben. In besonderer Weise tragen die Kirchen, Klöster und Burgen den Stempel europaweiter Kommunikation. Auch das Brauchtum, von dem wir allerdings nicht viel mitbekamen, ist in jahrhundertlangem Austausch gewachsen. Die Auswirkungen auf die christliche Glaubenspraxis wären eine eigene Betrachtung. Z.B. ist die Rolle des Priesters viel fixer als bei uns und ist Kreuzzugsmentalität (Opus Dei ?) noch längst nicht ausgestorben.
           Diesen Gegebenheiten vertrauten
           wir uns einigermaßen bewusst an.