4. Kapitel: Loslassen und entdecken
Der Aufbruch naht; der Rucksack muss endgültig gepackt werden. Die letzten Entscheidungen fallen. Nehme ich den Trainingsanzug mit? Brauche ich den Rasierapparat? ... Und jetzt auf die Waage: 15 kg - zu schwer! Da muss etwas heraus. Aber was? Die Lederjacke benötige ich für den Kirchgang. Ohne die Karten finden wir den Weg nicht. Das Gotteslob brauch' ich für die Messe, die Sandalen in den Unterkünften. Auf die Verbandssachen und das Sonnenöl, das Nähzeug und die Zahnpasta, den Kugelschreiber und die Sonnenbrille kann ich nicht verzichten, genauso wenig auf den Proviant und die Getränke. ... Am Ende sind es 14 kg.
Diese Situation war für mich bezeichnend. Es fällt schwer, sich einzuschränken. Man hat sich an so viele Dinge gewöhnt. Nun musste ich alles in den Rucksack bringen, und der sollte im Idealfall nicht mehr als 7 Kilo wiegen. Im Nachhinein kann ich aber befriedigt feststellen: Nur das Anti-Fliegen-Mittel habe ich umsonst mitgeschleppt.
In Santiago wog mein Rucksack aber kaum mehr als 12 kg. Wie das? Die Vorräte, z.B. Getränkepulver, Wurst, Käse, Kekse, Früchte und Getränke, waren aufgebraucht. Dazu kam, dass sich unsere Eßgewohnheit gründlich verändert hatte. Die ersten zwei Wochen versorgten wir uns in den Geschäften - meist schon am Abend - und trugen sehr viel mit uns herum. In der letzten Woche jedoch färbte der Lebensstil unserer spanischen Begleitung ab: morgens nur eine Tasse Milchkaffee, vormittags in einer Bar eine gute Brotzeit, nachmittags ein Drink und abends (so früh wie möglich, d.h. gegen 20.30 Uhr!) ein volles Menu. Zu meiner Verblüffung kam das kaum teurer. Nicht vergessen darf ich das Wetter; es war kühl und bewölkt, sodass wir wesentlich weniger Getränke mittragen mussten! - Deshalb war der Rucksack merklich leichter!
Noch manches andere veränderte sich unterwegs. Da sind als erstes die Veränderungen am Körper zu nennen. Mein Bauch wurde kleiner; ich verlor etwa 4 Kilo. Dann war der Wechsel der Druck- und Schmerzstellen interessant: Das linke Schlüsselbein meldete sich als erstes. Es protestierte einige Tage lang gegen den Rucksack. Dann brannten die kleinen Zehen und die linke Ferse. Drei Blasen! Eine Nadel, eine Krankenschwester (natürlich "una pelegrina") und vor allem Tag für Tag Hansaplast machten sie unschädlich. Als nächstes schwoll der rechte Fuß an. Das war schon bedenklicher. Doch eine Binde gab ihm den nötigen Halt. (Anmerkung: Wanderschuhe wären doch besser gewesen!) Zuletzt meldete sich das Rückgrat. Ich musste mich noch vorsichtiger bewegen. Nach zwei Wochen lief dann alles wie geschmiert. Jetzt "wusste" mein Körper, wie's geht. Ich hatte meinen Rhythmus gefunden. -
Vier Wochen unterwegs, das bedeutete eben auch jeden Tag ein anderes Bett, eine andere Umgebung, andere Situationen. Ich war beim Start der Meinung, dass ich mich anpassen kann und meinen früheren Klassenkameraden gut kenne. Doch auf dem Weg musste ich feststellen, dass mein Freund wider Erwarten vieles ganz anders anpackte, anders bedachte und anders erlebte. Am abgesteckten Rahmen änderte sich zwar nichts, doch das Detail bekam ein immer größeres Gewicht. Wir waren nun auch in unserem eigenen Verhältnis zu neuen Ufern unterwegs. Gott sei dank bissen wir uns auch hier durch. Eine wirklich wertvolle Erfahrung! -
"Ein Wunder" - wie es mein Begleiter bezeichnete - führte zu einer von uns nicht erwarteten Freundschaft. Wir waren in der Kirche von Ponferrada und hatten die Adresse einer einfachen Pension. Doch der Weg dahin war kompliziert. Da kamen drei uns schon bekannte "Peregrinos" - Donaciano und Valentino: aus Burgos, etwas über 60 Jahre alt, passionierte Bergwanderer, an der französischen Grenze gestartet; und Aurora: aus Leon, 33 Jahre alt, Krankenschwester, in Carrion gestartet - zur Tür herein. Diese waren ebenfalls auf der Suche nach einer Unterkunft. Gemeinsam fanden wir das Hostal "San Miguel" in wenigen Minuten. Natürlich waren wir darüber sehr froh.

Mich rührte diese Begebenheit noch nicht besonders; irgendwie hätten wir dieses Quartier auch so gefunden. Viel mehr verblüffte mich, was sich daraus entwickelte. Das erst war "das Wunder": Wir blieben zusammen, auch dann noch, als der eine oder andere eine Schwächeperiode durchzumachen hatte. Man half sich gegenseitig, suchte aufzumuntern, entwickelte Strategien. Man konnte sich aufeinander verlassen. Das war das eigentliche Geheimnis für unsere Geschwindigkeit; denn in nur sechs Tagen legten wir die restlichen 200 km zurück. Dabei ging es über Berge und holprige, noch nicht fertige Streckenabschnitte.
Man bedenke dabei unsere sprachlichen Schwierigkeiten. Wir zwei konnten uns gerade so auf Spanisch verständigen; Donaciano und Valentino zeigten ihren guten Willen, indem sie etwas Latein und Französisch hervorkramten; Aurora konnte fließend Englisch. Das war dann auch in schwierigeren Situationen die Brücke zu einander, die vor allem Christoph gerne benutzte.
Die eigentliche Brücke war aber etwas anderes: unser Glaube. Wir vier Männer hatten überdies in jungen Jahren katholische Internate durchlaufen, sodass dieser Glaube in uns eine sehr ähnliche Ausformung gefunden hatte. So beurteilten wir in vielen Fällen zeitgenössische Entwicklungen gleich. Und Aurora lebt diesen Glauben seit 10 Jahren in der Intensivstation. Das sei ihre Berufung, so gab sie zu verstehen. Da war sie sicher schon für viele ein guter Engel.
Noch etwas musste ich loslassen: meine Vorstellung vom gemeinsamen Beten. Gerne hätte ich den Rosenkranz und auch Teile des Breviers gemeinsam gebetet. Gelegentlich taten wir es auch, Rosenkranz im Auto oder beim Gehen, die Vesper in einer Kapelle, der Engel des Herrn in einer Dorfkirche, spanische und ein paar deutsche Lieder oder gar spanisch-deutsch gemischten Rosenkranz. Wir fanden jedoch nicht zu einem echten gemeinsamen Nenner, besser: Rhythmus. Irgendwie wirkte es verkrampft. So ließ jeder jeden seinen Gedanken nachgehen; hin und wieder kam es zum Gedankenaustausch, ja sogar zu echten Glaubensgesprächen. Mir tat es gut, wenn man mich hinterhergehen und vormittags meditativ den Rosenkranz beten ließ. Es entstand im Lauf der Zeit um uns so etwas wie ein heiliger Raum; unser Tun war Gebet. Zu meiner Überraschung und Freude fanden wir auf diesem Weg dann doch wieder zu gemeinsamen Formen. Am Vorabend der Ankunft in Santiago feierten wir zu siebt in der Pfarrkirche von Arzua die Sonntagsmesse. Der Wortgottesdienst war überwiegend Spanisch, meine "Predigt" (drei Sätze) ebenso, die Eucharistiefeier Deutsch, das "Vater unser" Lateinisch und die Antworten gemischt. Unser Lied war das "Salve Regina". Diesen Gottesdienst werde ich nicht mehr vergessen.
Beeindruckend war auch, wie uns unsere spanischen Freunde in die Gepflogenheiten von Santiago einführten, wie wir uns beim Pilgergottesdienst zusammengehörig fühlten oder wie wir am Nachmittag uns mit dem "Salve Regina" aus der Kathedrale verabschiedeten. Da hatten wir tatsächlich den gleichen Rhythmus.