5. Kapitel: Sein heutiges Schicksal
1. Eindruck: Vor den Toren Logroños sehen wir eine große Tafel, die den Verlauf des Jakobsweges für die nächsten Kilometer skizziert. Ein paar Meter weiter steht ein Stein: 667 km bis Santiago. Ohne Zweifel: wir sind richtig. Das ist genau der Hintergrund für das Startfoto. -  Doch Vorsicht! Auf der Nationalstraße rollt der Verkehr. Die Pkws und Lastzüge wollen kein Ende nehmen. Die hohen Autobahngebühren haben viele hierher ausweichen lassen. Es ist schwierig, ungestört zu fotografieren.

2. Eindruck: Christoph hatte sich vor dem Start eigens einen Sonnenhut gekauft. Schließlich rechneten wir mit heißen Tagen. Während es beim Start recht frisch war, kommt nun gegen Mittag doch die Sonne heraus. Für den Sonnenhut schlägt also seine Stunde. Wieder geht es der Nationalstraße entlang. Und schon der erste Brummi reißt ihn mit in den Straßengraben. - Da wir wohl ein Drittel der Strecke auf solchen Straßen zurücklegten, kann heute nicht mehr gesagt werden, wie oft mein Mit-Pilger den Takt seiner Gehstöcke unterbrach und zum Kopf griff.

3. Eindruck: Burgos liegt hinter uns. Es geht durch endlose Getreidefelder. Die Ernte steht bevor. Vor uns deutet sich eine Senke an. Dort muss Hontanas sein. Irrtum! Immer wieder macht der Weg eine Biegung am Rand der Senke entlang. Endlich liegt Hontanas, ein kleines Dorf, uns zu Füßen. Noch bevor wir in den Ort hinabkommen, lädt uns ein älterer Mann in seine "Gartenlaube" ein. Da Sonntag Nachmittag ist und wir kaum mehr Vorräte haben, sind wir froh, bei ihm und seinen zwei Freunden ein beinahe fürstliches Essen zu bekommen. Im Gespräch stellt sich heraus, dass er arbeitslos ist und mit den Kommunisten sympatisiert. Irgendwie macht er auf uns einen isolierten Eindruck.
(Ob da der Bürgerkrieg noch nachwirkt?) Natürlich bekommt er für diese einmalige Gastfreundschaft von uns ein entsprechendes Trinkgeld.
Im Ort werden wir ebenfalls freundlich aufgenommen. Doch viele Häuser sind unbewohnt, eine ganze Reihe ist schon eingefallen. An diesem Tag hatte nur mehr ein Kind die Erstkommunion. ... Ich denke mir: Solche Dörfer haben in den Wirtschaftsplänen Spaniens und der EG keinen Platz. Denn die landwirtschaftlichen Großbetriebe - genossenschaftlich oder privat -, haben ihren Sitz in größeren Orten und brauchen kaum mehr Arbeitskräfte. Wer arbeiten will, muss fort. Schade um dieses alte Gemeinwesen! (Ich frage mich: Wie wird sich die Agrarpolitik auf unsere bayrische Heimat auswirken?)

4. Eindruck: Sahagun ist erreicht. Polizisten weisen uns den Weg zu den Benediktinerinnen. Dort bekommen wir im Gästehaus ein komfortables Doppelzimmer. Ich erkundige mich nach den Gottesdienstzeiten. Um 19.00 Uhr wohne ich der Vesper bei; ca. 15 eher ältere Nonnen singen sie. Im riesigen Kloster hätten leicht 100 Platz, denke ich mir. ... Ich wage dann sogar um ein Abendessen zu bitten. Die Antwort: "Kein Problem. Um 21.30 (!) Uhr." Ich habe noch genügend Zeit zum Einkaufen; die Geschäfte machen ja erst um 20.30 Uhr zu. So lebt man in Spanien! ... Langsam taste ich mich vor: da eine Metzgerei, dort eine kleine Bäckerei, hier ein Sparladen mit Früchten. Zuletzt finde ich den "Supermercado"; da kann man alles und zudem viel billiger haben; da herrschte reger Betrieb. ... Der Ort selbst wirkt verschlafen; einige Häuser sind am verfallen, andere werden zum Kauf angeboten. Ich sehe aber auch, dass viele Straßen hergerichtet werden. Anlässlich des nächstjährigen "Heiligen Jahres" soll diese Kleinstadt herausgeputzt werden. Zum ersten Mal bemerke ich, dass der Jakobsweg für den Tourismus erschlossen wird.

5. Eindruck: Erstaunt war ich über die sauberen Straßen und Bars. Das hatte ich von meinem ersten Aufenthalt (vor 18 Jahren) anders in Erinnerung. Umso mehr überraschten mich dann in der Provinz Leon die Wandschmierereien, die die Autonomie von Kastillien forderten.
(Das wäre mit der Forderung Frankens vergleichbar, ein eigenes Bundesland zu werden.) Mein Interesse war geweckt. Und tatsächlich: Zwischen Altkastillien und Leon besteht ein Wirtschaftsgefälle. Z.B. sind um Burgos die Kirchen reicher ausgestattet. Dort gab es auch Ansichtskarten; später blieb meine Suche meist erfolglos. Eine gewisse Rivalität war auch zu spüren. Andererseits entgingen mir die 350 Anstrengungen Spaniens nicht, den Nordwesten wirtschaftlich zu erschließen. Dem "Camino" wird dabei eine Schlüsselrolle zugedacht. Er soll die Touristen anziehen! Für viel Geld wird im Moment die nötige Infrastruktur geschaffen:

Der Weg selbst bekommt in vielen Fällen ein neues Gesicht. So attraktiv er gestaltet sein mag, zum Bedauern der Pilger alten Zuschnitts verliert er zumindest ab Carrion seine Beschaulichkeit und Rustikalität. Diesen Wandel "durfte" ich hautnah miterleben.

6. Eindruck: Nach Astorga stieg der Weg an. Wir näherten uns der 1000 m-Grenze. Da es in letzter Zeit viel geregnet hatte, war alles grün. Doch überall schaute der Boden durch. Bewirtschaftet wird nichts mehr. Wie wird diese Bergwelt erst im Hochsommer ausschauen! Bedrückender waren für mich die vielen eingefallenen Häuser. In Foncebadon, wo heute nur noch zwei Menschen leben sollen, standen von der Kirche nur noch die Außenmauern; im Innern lag Stroh als Lager für's Vieh. Als ich hineingehen wollte, schoss mir ein Hund entgegen.

7. Eindruck: Galizien machte auf mich einen anderen Eindruck. Die Sprache hat schon deutlich portugisische Anklänge. Und die bergige Landschaft erinnerte mich an die Schweiz. In den Dörfern begegneten uns häufig Bauern mit 5-10 Kühe. Überall stößt man auf Maisspeicher auf Stelzen. Einmal entdeckten wir sogar ein Backhäuschen. Die Kirchen, die wir zu Gesicht bekamen, waren versperrt, z.T. verwahrlost oder sehr einfach. Die wenigen "Refugios" bestärkten mich in diesem Eindruck. Zumindest in der Vergangenheit muss es hier armselig zugegangen sein!

8. Eindruck: In Sarria gehen wir zur Brotzeit in eine Bar. Wir sind bei weitem nicht mehr die einzigen Pilger. Ein Niederländer erzählt uns, dass von Samos her Dutzende unterwegs sind. Was wird da auf uns zukommen? ... Stunden später, kurz vor Portomarin, stoßen wir auf eine große Gruppe SchülerInnen einer Madrider Schule. Freiwillig sind sie mit auf dem Jakobsweg dabei. Noch waren sie laut. Doch zu meiner Überraschung ließen sie sich von Tag zu Tag mehr vom "Flair" des "Camino" packen. Dieser Ausflug wurde wohl für die meisten zu einer Wallfahrt. In Santiago, beim Gottesdienst, fühlten wir uns zusammengehörig. - Ob der Jakobsweg auch in Zukunft ein Wallfahrtsweg bleibt, ist für mich recht fraglich. Schön wär's!

9. Eindruck: Noch 14 km bis Santiago. Unmittelbar vor uns startet eine DC 9. Wenige Meter später können wir die Startbahn des Flughafens sehen. Sie durchschneidet den Jakobsweg. Beim Bau des "Aeropuerto de Lavacolla" nahm man auf ihn keine Rücksicht. Die "Peregrinos" müssen ausweichen - ein Umweg von 2 km! - Überhaupt entbehren die letzten 12 Kilometer jeglicher Romantik.