6. Kapitel: Ein Bild für die Kirche
Das II. Vatikanische Konzil beschreibt u.a. die Kirche folgendermaßen: "Wie aber schon das Israel dem Fleisch nach auf einer Wüstenwanderung Kirche Gottes genannt wird (2 Esr 13,1; vgl. Num 20,4; Dtn 23,1 ff), so wird auch das neue Israel, das auf der Suche nach der kommenden und bleibenden Stadt (vgl. Hebr 13,14) in der gegenwärtigen Weltzeit einher zieht, Kirche Christi genannt (vgl. Mt 16,18)." (LG 9) Es wird sicher noch einige Zeit brauchen, bis dieses Bild andere Vorstellungen von Kirche, wie z.B. die von der Herde Christi, in ihrer Begrenzt- und Zeitbedingtheit ergänzt bzw. sogar ersetzt hat. Einige Ansätze sind mir dazu unterwegs in den Sinn gekommen:

* Der Jakobsweg ist etwas für Individualisten; die meisten gehen allein. Und dennoch sind sie nicht allein; sie schwimmen mehr oder weniger im Wallfahrerstrom der Jahrhunderte. Kirche darf nicht nur als Gemeinschaft einer einzigen Zeit verstanden werden; sie hat auch eine vergangene und eine zukünftige Dimension. Ich glaube, dass in ihr viel mehr Menschen Platz haben, als ich (wir, ... die Hierarchie) es mir vorstellen kann.

* Auf dem Jakobsweg begegnet man sich viel unkomplizierter als im Alltag, wo so vieles festgelegt ist. Hier ist ein "Raum" für neue Bekanntschaften und Freundschaften, für neue Erkenntnisse und Erfahrungen. Wo gibt es in der Kirche sonst noch solche "Räume"? Im gewöhnlichen kirchlichen Leben (Gottesdienste, Sakramente; Verkündigung; Diakonie) nimmt man sich dafür zu wenig Zeit!

* Unterwegs trifft man ständig auf veränderte Situationen.   Entsprechend flexibel muss man damit umgehen. Das ist - meiner Meinung nach - die Herausforderung schlechthin. Aufgeben, Loslassen, Hergeben, Sich-nicht-Versteifen, kurz: Exodus ist verlangt! Das verunsichert; das ist ein Wagnis; das ist ein Schritt ins Vertrauen - ins Vertrauen darauf, dass die Welt, dass der Weg, dass wir, also auch ich, (auch die Kirche!) in guten Händen sind. Wie erstarrt ist dem gegenüber in vielen Fällen unser pfarrliches Gemeindeleben!

Weitere (spätere) Anmerkungen:
* Für fast jeden kommen Zeiten, wo er sich nicht mehr sicher  ist, dass er das Ziel erreicht. Das Vertrauen in das eigene Vermögen bekommt Risse. Zuletzt war ich soweit, dass ich in Santiago einfach dankbar war, so gut durchgekommen zu sein. Es hängt oft am seidenen Faden, ob etwas ge- oder misslingt. -Sei also nur ja nicht so stolz darauf, dass Du zu den Guten oder Starken gehörst! Wie leicht könnte es ganz anders aussehen! Dankbarkeit, nicht Prahlerei oder Besserwisserei steht jedem, auch dem Christen gut. Das müsste auch im kirchlichen Handeln die Grundhaltung sein. Das Ziel muss heißen: miteinander ankommen.
* Ich habe mich über 600 km dem vorgespurten Jakobsweg anvertraut und bin froh um die Wegzeichen gewesen. Ebenso gerne habe ich die einfachen Pilgerunterkünfte benutzt. Langsam konnte ich sogar in den Veränderungen des Weges neue Chancen entdecken. Ähnliches gilt auch für die Kirche. Sie ist ein großartiges Angebot, das dem Menschen hilft, gut durch diese Welt zu kommen. Sie ist der Weg, der in Gott einmündet. Deshalb: Wie ich mich dem Jakobsweg anvertraut habe, vertraue ich auch der Kirche.   P. Georg Fichtl (Aug. 92)